Ansprache Benedikts XVI. in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem
„Mögen die Namen dieser Opfer niemals vergehen!“
JERUSALEM, 12. Mai 2009 (ZENIT.org).-
Wir veröffentlichen die offizielle Übersetzung der Ansprache, die Papst
Benedikt XVI. bei seinem historischen Besuch der
Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem gehalten hat.
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„Ihnen
allen errichte ich in meinem Haus und in meinen Mauern ein Denkmal, ich
gebe ihnen einen Namen … Einen ewigen Namen gebe ich ihnen, der niemals
ausgetilgt wird“ (Jes 56, 5).
Diese Stelle aus dem Buch
des Propheten Jesaja liefert die beiden schlichten Worte, die feierlich
die tiefe Bedeutung dieser ehrwürdigen Stätte zum Ausdruck bringen: yad – „Denkmal“; shem –
„Name“. Ich bin gekommen, um in Stille vor diesem Denkmal zu stehen,
das zur ehrenvollen Erinnerung an die Millionen in der schrecklichen
Tragödie der Schoah getöteten Juden errichtet wurde. Sie haben
ihr Leben verloren, doch niemals werden sie ihre Namen verlieren: Diese
sind fest in die Herzen ihrer Lieben, ihrer Mitgefangenen, die überlebt
haben, und all jener eingeschrieben, die entschlossen sind, niemals
zuzulassen, daß eine solche Grausamkeit wieder über die Menschheit
hereinbricht. Mehr als alles andere sind ihre Namen für immer in das
Gedächtnis des Allmächtigen Gottes eingeprägt.
Man kann einen
Mitmenschen seines Besitzes, seiner Chancen oder seiner Freiheit
berauben. Man kann ein heimtückisches Netz von Lügen spinnen, um andere
zu überzeugen, daß gewisse Gruppen keine Achtung verdienen. Doch sosehr
sich einer auch bemüht, man kann niemals den Namen eines Mitmenschen wegnehmen.
Die
Heilige Schrift lehrt uns die Wichtigkeit der Namen, wenn jemandem eine
einzigartige Aufgabe oder eine besondere Gabe verliehen wird. Gott
nannte Abram „Abraham“, weil er zum „Stammvater einer Menge von
Völkern“ werden sollte (Gen 17, 5). Jakob wurde „Israel“ genannt, weil er „mit Gott und mit Menschen gestritten und gewonnen“ hat (Gen 32, 29).
Die in diesem ehrwürdigen Denkmal bewahrten Namen werden auf immer
einen heiligen Platz unter den zahllosen Nachfahren Abrahams einnehmen.
Wie bei ihm wurde ihr Glaube geprüft. Wie Jakob wurden sie in das
mühevolle Ringen, die Pläne des Allmächtigen zu erkennen,
hineingestellt. Mögen die Namen dieser Opfer niemals vergehen! Möge ihr
Leid nie geleugnet, herabgesetzt oder vergessen werden! Und mögen alle
Menschen guten Willens weiter wachsam darauf achten, aus dem Herzen des
Menschen auszumerzen, was immer zu Tragödien wie dieser führen könnte!
Die
katholische Kirche, in Verpflichtung zur Lehre Jesu und in der Absicht,
seine Liebe zu allen Menschen nachzuahmen, empfindet tiefes Mitgefühl
für die Opfer, derer hier gedacht wird. Ebenso ist sie all denen nahe,
die heute aufgrund von Volkszugehörigkeit, Hautfarbe, Lebensbedingungen
oder Religion verfolgt werden – sie teilt ihre Leiden und macht sich
ihre Hoffnung auf Gerechtigkeit zu eigen. Als Bischof von Rom und
Nachfolger des Apostels Petrus bekräftige ich – wie meine Vorgänger –,
daß die Kirche verpflichtet ist, unablässig zu beten und zu arbeiten,
um zu gewährleisten, daß der Haß nie wieder in den Herzen der Menschen
herrsche. Der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs ist der Gott des
Friedens (vgl. Ps 85, 9).
Die Schriften lehren, daß es
unsere Aufgabe ist, die Welt daran zu erinnern, daß Gott lebt, auch
wenn wir es manchmal schwierig finden, seine geheimnisvollen und
unergründlichen Wege zu verstehen. Er hat sich selbst geoffenbart und
wirkt weiterhin in der menschlichen Geschichte. Er allein regiert die
Welt in Gerechtigkeit und spricht den Völkern ein gerechtes Urteil
(vgl. Ps 9, 9).
Wenn man auf die Gesichter blickt, die
sich im Becken spiegeln, das innerhalb der Gedenkstätte in Stille ruht,
kann man nicht anders, als sich daran erinnern, daß ein jedes davon
einen Namen trägt. Ich kann mir nur die freudige Erwartung ihrer Eltern
vorstellen, als sie sehnsüchtig auf die Geburt ihrer Kinder warteten.
Welchen Namen sollen wir diesem Kind geben? Was wird aus ihm oder ihr
werden? Wer hätte sich vorstellen können, daß sie zu einem solch
beklagenswerten Schicksal verurteilt werden würden!
Wenn wir
hier in Stille stehen, hallt ihr Schrei in unseren Herzen wider. Es ist
ein Schrei gegen jeden Akt von Ungerechtigkeit und Gewalt. Es ist ein
ständiger Vorwurf gegen das Vergießen von unschuldigem Blut. Es ist der
Schrei Abels, der vom Erdboden zum Allmächtigen aufsteigt. Wir bekennen
unser unerschütterliches Vertrauen in Gott und verleihen diesem Schrei
Stimme mit den Worten aus dem Buch der Klagelieder, das für Juden wie
für Christen voller Bedeutung ist:
„Die Huld des Herrn ist nicht erschöpft, sein Erbarmen ist nicht zu Ende.
Neu ist es an jedem Morgen; groß ist deine Treue.
Mein Anteil ist der Herr, sagt meine Seele, darum harre ich auf ihn.
Gut ist der Herr zu dem, der auf ihn hofft, zur Seele, die ihn sucht.
Gut ist es, schweigend zu harren auf die Hilfe des Herrn.“ (Klgl 3, 22-26).
Liebe
Freunde, Gott und Ihnen bin ich äußerst dankbar für die Gelegenheit,
hier in Stille zu verweilen: eine Stille, um zu gedenken, eine Stille,
um zu beten, eine Stille, um zu hoffen.
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