Christus, die
'Herrlichkeit Israels'
Ein Kapitel aus Das Geheimnis von Weihnachten
von Pater
Raniero Cantalamessa
Die Worte des
Nunc Dimittis werfen Licht auf die aktuelle Frage, die
sich im Bezug auf das Verhältnis der Kirche zu den
nicht-christlichen Religionen stellt. Darüberhinaus werfen sie auch
noch Licht
auf die Frage hinsichtlich der Beziehung zwischen der Kirche und dem
Volk Israel,
den Christen und den Hebräern. Wenn Christus die Herrlichkeit Israels
ist, müssen wir Christen alles was wir können daran setzen, dies
ersteinmal selbst anzunehmen, und uns daran geben, die
Hindernisse wegzuräumen, die Israel davon abhalten, dies anzuerkennen.
Das erste und wichtigste Hindernis was weggeräumt werden muß, ist das,
was der heilige Paulus "Feindschaft" nennt, die "Trennwand", die auf
dem
gegenseitigen Unverständnis, der Zaghaftigkeit und Abneigung errichtet
wurde. Diese Wand
hat Jesus durch seinen Tod am Kreuz heruntergerissen (siehe Eph.
2:14ff.), aber sie muss weiterhin tatkräftig umgestoßen werden,
besonders nach all dem, was in den letzten zwanzig Jahrhunderten nach
Christi Auferstehung geschehen ist. Der heilige Paulus lehrt uns, der
beste Weg zur Versöhnung zwischen Israel und der Kirche ist durch Liebe
und Hochachtung: "Ich sage die Wahrheit in Christus!" schrieb er an die
Römer, "und lüge nicht und mein Gewissen
bezeugt es mir im Heiligen Geist:
Ich bin voll Trauer, unablässig leidet mein Herz. Ja, ich möchte selber verflucht und von Christus
getrennt sein" (Paulus von Christus getrennt!)" um meiner Brüder
willen, die der Abstammung nach mit mir verbunden sind. Sie sind Israeliten; damit haben sie die
Sohnschaft, die Herrlichkeit, die Bundesordnungen, ihnen ist das Gesetz
gegeben, der Gottesdienst und die Verheißungen, sie haben die Väter und dem Fleisch nach
entstammt ihnen der Christus." (Röm. 9:1-5)
Dies
war meine eigene Erfahrung vor einigen Jahren während meiner zweiten
Pilgerreise ins Heilige Land. Das erste was ich feststellte, als ich
noch auf dem Weg dorhin war, war, daß ich als Christ nicht länger in
den politischen Urteilen gefangen bleiben konnte, welche die Welt in
der
Athmosphäre der ständigen Angriffe und Vergeltungsschläge die begonnen
hatten, nachdem die Israeliten arabische Gebiete erobert hatten über
Israel fällt. Mir war geboten, dieses Volk zu lieben denn "aus ihrer
Rasse, dem Fleische nach, kommt der Christus." Ich sollte sie so
lieben, wie Jesus, Maria, die Apostel und die ganze Urkirche die von
den Juden kam. Das war für mich damals die Frage einer Art Umkehr zu
Israel, die ich nie zuvor so erlebt hatte. Wie jede Umkehr bedeutete es
für
mich eine Veränderung meiner Einstellung und meines Herzens.
Sie, die Juden stammen von demselben Blute wie Jesus ab und es
steht
geschrieben, daß "kein Mensch je sein eigenes Fleisch haßt". (siehe
Eph.5:29) Jesus, der auch wenn er Gott ist, so wie wir Mensch ist,
freut
sich wenn wir Christen uns gegenseitig lieben und seinem Volk vergeben,
auch wenn es ihn bis jetzt noch nicht anerkannt hat. In meinem
priesterlichen Dienst sind mir oft junge Mädchen und Jungen begegnet
die von ihren Eltern abgelehnt oder sogar mißhandelt worden sind, weil
sie sich Gott geweiht hatten, aber ich sah die Freude die sie hatten,
wenn ich gut von ihren Eltern sprach und versuchte, sie zu verteidigen.
Dies machte sie froher, als wenn ich ihnen bestätigen würde, daß sie
selber völlig richtig liegen würden und die Ungerechtigkeit in ihrer
Familie ansprechen würde. Im Fall Jesus ist dies eine Konsequenz und
eine Nuance seiner realen Fleischwerdung die wir fast mit Zurückhaltung
respektieren müssen, genauso wie wir die Familientragödie eines
Freundes respektieren und nur mit Diskretion und Sorge darüber
sprechen. Israel ist der erstgeborene Sohn Gottes: "Als Israel jung
war, gewann ich ihn lieb." (siehe Hos. 11:1) und wir wissen, daß seine
Liebe "ewig" währt. (Jer. 31:3).
Christen müssen Israel nicht nur in der Erinnerung sondern
auch in Hoffnung
lieben, nicht nur für das was es war, sondern auch für das was es sein
wird. Ihr "Abfall", sagt der Apostel, "ist nicht für immer" und Gott
"hat die Macht sie wieder einzupfropfen" (siehe Römer 11:11-23). Wenn
ihre
Ablehnen die Versöhnung der Welt bedeutet, so fährt der Apostel fort,
was wird ihr Annehmen anderes bedeuten als Leben von den Toten? (siehe
Röm. 11:15) Simeon sagt, Jesus " ist dazu bestimmt, dass in Israel
viele durch ihn zu Fall kommen und viele aufgerichtet werden." (Lk.
2:34), dies könnte als der Abfall einiger
und die Auferstehung anderer
gedeutet werden, aber auch, wie der Apostel meint: zuerst auf den
Abfall und dann
auf die Wiederherstellung Israels verweisen. Aus
der Sicht des christlichen Glaubens sind all diese Jahrhunderte eine
Ausdehnung der Wartezeit gewesen, wie ein langer Abstecher der
Geschichte, von dem wir nicht wissen, wie lange er noch andauern wird,
bis wir ankommen an den Moment wenn Jesus wieder vor Israel stehen
wird, welches dann in der Lage sein wird zu rufen, wie es geschrieben
steht:
"Gesegnet ist der, der da kommt im Namen des Herrn." (siehe Lk.13:35)
Auf dieser Reise gaben mir diese Gedanken überraschender Weise
die
innere Gewißheit, daß die Kirche für Israel verantwortlich ist! Sie ist
auf einzige Art und Weise verantwortlich, anders als gegenüber allen
anderen Völkern. Nur die Kirche trägt Gottes Plan für Israel in ihrem
Herzen verborgen und hält ihn am Leben. Diese Verantwortung im Glauben
verlangt von der Kirche die Juden zu lieben, auf sie zu warten, sie
dafür, daß sie ihnen das wahre Gesicht Christi vorenthalten hat, um
Vergebung zu bitten, so wie sie es schon getan hat. Dieser Jesus, der
sie liebt und der ihre "Herrlichkeit" ist; dieser Jesus der uns gelehrt
hat, zuzulassen, daß wir gedemütigt und getötet werden, anstatt daß wir
selbst andere demütigen oder töten. Wenn die Verzögerung so lange wärte
und so schmerzlich war, so zweifelos auch durch das Versagen von
Christen. In diesem Licht können wir die neuen Zeichen die wir in der
Kirche erfahren verstehen: Die Erklärung des zweiten vatikanischen
Konzils Nostra Aetate,
den Besuch des Papstes in der jüdischen Synagoge
in Rom wo er die Juden "ältere Brüder" nannte und schließlich die von
Rom erlassenen Richtlinien, alle Elemente und Ausdrucksweisen aus dem
Katechismus und der Verkündigung zu entfernen, die die Sensibilität der
Juden verletzten könnten und welche die Treue zum Wort Gottes weder
verlangt noch begründet.
Neben
dieser Verantwortung, die sich auf die Vergangenheit bezieht, gibt es
noch eine zweite Verantwortung, welche die gegenwärtige Situation
Israels als Volk und als Staat betrifft. Man kann über die gegenwärtige
Situation menschliche und politische Urteile fällen, genauso aber auch
theologische und Glaubensurteile. Politische Urteile sind solche, wie
sie von Staatsoberhäuptern gefällt werden und auch die UNO spricht
solche in ihren Sitzungen aus. Es gibt hier eine ganze Reihe
verschiedener und gegensätzlicher Meinungen, denn alles politische
Denken, auch das Denken Israels im alten Testament, ist
zweideutig und mit menschlicher Sünde vermischt, selbst wenn Gott es
für seine Heilspläne benutzt, so wie es im alten Testament geschehen
ist. Das ungelöste Problem der Palästinenser, die von ihrem Land
vertrieben worden sind, macht ein politisches Urteil eher zu einer
Verurteilung Israels als zu seiner Anerkennung. Aber, wie ich schon
erwähnt habe, können Christen nicht bei diesem politischen oder
diplomatischen Urteil stehenbleiben. Es gibt hier eine rettende
Dimension in diesem Problem, die aus der Geschichte und der Theologie
ersichtlich wird, die nur die Kirche fühlen kann. Wir teilen mit Israel
die biblische Gewißheit, daß Gott ihnen das Land Kanaan für
immer gegeben hat (siehe Gen. 17:8; Jes 43:5; Jer 32:22; Ezk 36:24; Am.
9:14). "Denn
unwiderruflich sind Gnade und Berufung, die Gott gewährt." (Röm. 11:29)
In anderen Worten, wir wissen, daß Gott das Land an Israel
gegeben
hat und es gibt keine Erwähnung davon, daß er es ihnen für immer
wegnimmt. Können wir Christen ausschließen, daß das, was sich in
unseren Tagen abspielt, d.h. die Rückkehr Israels in das Land ihrer
Väter, nicht auf irgendeine Weise die uns noch geheimnisvoll erscheint,
mit der Ordnung der Vorsehung die das auserwählte Volk betrifft
zusammenhängt, die sich auch durch menschliches Versagen und Exzesse
hindurchzieht, genauso wie es auch in der Kirche geschieht? Wenn Israel
eines Tages dem neuen Bund beitreten wird, so sagt der heilige Paulus,
werden sie nicht als einige wenige zu verschiedenen Zeitpunkten
beitreten sondern als ganze Nation, als die ewig- bestehenden
"Wurzeln." Aber wenn Israel als Nation beitreten soll, muß es doch eine
Nation sein und ein eigenes Land, eine Organisation, und eine Stimme
unter allen anderen Nationen auf der Erde haben. Die Tatsache, daß
Israel durch die Jahrhunderte hinweg und durch viele Wirbel der
Geschichte hindurch an sich ist schon ein Zeichen eines Schicksaals,
welches nicht unterbrochen wurde und immer noch darauf wartet, erfüllt
zu werden. Durch die Jahrhunderte hinweg sind viele Völker aus ihrem
Land vertrieben worden, aber keinem einzigen unter ihnen ist es
gelungen, als Volk in ihrer neuen Situation intakt zu bleiben.
Angesichts dieser Tatsache können wir nicht anders als uns an die Worte
Gottes bei Jeremias zu erinnern: "Nur
wenn jemals diese Ordnungen (die Ordnungen welche die Sonne, den Mond
und die Sterne und Meere beherrschen!) vor meinen Augen ins Wanken
gerieten - Spruch des Herrn -, dann hörten auch Israels Nachkommen
auf, für alle Zeit vor meinen Augen ein Volk zu sein."
(Jer 31:36). Sogar das
riesige Kreuz, welches Israel auf seinen Schultern trug ist ein Zeichen
dafür, daß Gott seine "Auferstehung" vorbereitet, genauso wie er es für
seinen Sohn getan hat, der Israel repräsentiert hat. Die Juden selber
sind nicht in der Lage dieses Zeichen in ihrer Geschichte komplett zu
verstehen, weil sie die Vorstellung, daß der Messias
"all das erleiden [musste], um so in seine Herrlichkeit zu gelangen (Lk
24:26)" nicht komplett akzeptiert haben.
Aber wir Christen müssen dies verstehen. Als
Edith Stein die Tragödie, die die Nazis für ihr Volk planten
herrankommen sah, hat sie sich an einem Tag in der Kapelle im Gebet
gesammelt und dann aufgeschrieben: "Dort, unter dem Kreuz verstand ich
den Weg des Volkes Gottes. Ich verstand, daß diejenigen, die wissen daß
dies das Kreuz Christi ist, die Pflicht haben, es selbst im Namen all
der anderen auf sich zu nehmen." Und tatsächlich hat sie es auf sich
genommen, im Namen all der anderen.
Deshalb muß die Kirche über diese Zeichen wachen, so wie Maria
die
Worte in ihrem Herzen bewahrte und über sie nachsann. (siehe Lk 2:19)
Die Kirche kann nicht zurückgehen und die Merkmale des alten Israels
mit seinen starken Bindugen zwischen Rasse, Land und Glauben
übernehmen. Die neue Erlösung wurde für "alle Völker" bereitgestellt.
Was notwendig ist, ist daß das Israel nach dem Fleische in das Israel
nach dem Geiste hineintritt und Teil davon wird, ohne daß es dabei
aufhören würde, weiterhin auch Israel nach dem Fleische zu sein, was
das einzige Vorrecht
ist. Deswegen kann der heilige Paulus zusammen mit all denen,
die vom alten in den neuen Bund hinübergekommen sind sagen: "Sie sind Hebräer - ich auch. Sie sind
Israeliten - ich auch. Sie sind Nachkommen Abrahams - ich auch. Sie sind Diener Christi - jetzt rede ich ganz
unvernünftig -, ich noch mehr:" (siehe
2 Kor. 11:22ff) und er hatte recht, denn zumindest nach dem
christlichen Glauben, denn nur in Christus erfüllt sich das Schicksaal
des jüdischen Volkes und wird seine Größe erkenntlich. Wir sagen dies
nicht aus einerm Geist des Proselytismus, sondern aus dem Geist der
Umkehr und des Gehorsams zum Wort Gottes. Es ist gewiß, daß die
Wiederanbindung Israels an die Kirche eine Neuordnung der Kirche mit
sich bringen wird; es wird eine Umkehr für beide Seiten bedeuten.
Genauso wird auch die Kirche wieder an Israel angebunden werden.
Die Wiederherstellung der jüdischen Nation ist ein wunderbares
Zeichen und eine Chance für die Kirche selbst, deren Wichtigkeit wir
noch garnicht in der Lage sind zu erfassen. Nur jetzt ist Israel wieder
in der Lage, die Frage bezüglich Jesus von Nazareth neu zu stellen, und
zu einem gewissen Grad, klein aber ausschlaggebend, geschieht dies
auch. Einige wenige aus der jüdischen Religion haben begonnen, Jesus
als die "Herrlichkeit Israels" anzuerkennen. Offen erkennen sie Jesus
als den Messias an und nennen sich selbst "messianische" Juden, was
dasselbe ist als wenn man "Christen" in der Originalsprache sagt, ohne
sich anzustrengen, es ins Grichische zu übersetzen. Sie helfen uns
gewisse, düstere Vorstellungen
zu überwinden, "die uns erkennen lassen, daß das große, ursprüngliche
Schisma welches die Kirche traf und schwächte nicht so sehr das Schisma
zwischen Ost und West oder zwischen Katholiken und Protestanten ist,
sondern das viel gewaltigere zwischen der Kirche und Israel ist."
Manchmal wird im neuen Testament, besonders nach der
Auferstehung
über die Wendung zu den Heiden gesprochen, als sei sie die Folge von
Israels Ablehnung: "Euch musste
das Wort Gottes zuerst verkündet werden. Da ihr es aber zurückstoßt und
euch des ewigen Lebens unwürdig zeigt, wenden wir uns jetzt an die
Heiden." (Apg. 13:46ff) Aber im Nunc Dimittis
wird die Frage stattdessen nach dem ursprünglichen, großartigen Plan
Gottes beantwortet, und zwar aufgrund von Harmonie und gegenseitiger
Erbauung, die bisher noch nicht wiederhergestellt worden sind. Die
Tatsache, daß Christus "ein Licht für die Heiden" ist, wird hier nicht
als Strafe für Israel gesehen, sondern als seine "Herrlichkeit". Wie
wunderbar ist es, die urprüngliche Sicht der Dinge im christlichen
Kontext, wieder zurück in das Zentrum der Aufmerksamkeit der Kirche zu
stellen. Am Ende wird dies sich erfüllen, da Nichts und Niemand den
Plan Gottes davon abhalten kann, in der von ihm festgelegten Zeit
erfüllt zu werden. Eines Tages wird Christus dann in der Tat beides
sein:
" ein Licht für die Heiden und Herrlichkeit für sein Volk Israel", so
wie er es durch sein Recht schon ist! Simeon hatte nicht nur einen
Wunsch sondern eine Prophethie auf dem Herzen.
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